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Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge - Kapitel 1

Aufgabe: Analysieren Sie den vorliegenden Anfang von Rainer Maria Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Brigg“ vor allem im Hinblick auf  die Erzählform und vor dem Hintergrund des Epochenumbruchs 19./20. Jahrhundert!

Schülerarbeit

Analyse des Romananfangs aus: „Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge“

Zu Beginn des Romans: „Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge“, verfasst von Rainer Maria Rilke um 1910, schildert ein Ich-Erzähler seine Eindrücke von einem Stadtteil in Paris (rue Toullier), wo er sich, wie man der Kapitelüberschrift entnehmen kann, am 11.September aufhält.

„Medias in res“ wird man, wie sich beim Lesen herausstellt, in die Gedanken des Malte Laurid Brigge hineinversetzt, während man in erlebter Rede die Erlebnisse des zurückliegenden Tages vorgeführt bekommt. Direkt zu Anfang des inneren Monologs teilt der Erzähler das Fazit seiner Tageserkundungen mit: „So, also hierher kommen die Leute um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“ (Z.1-2). Dadurch wird in dem Leser unverzüglich eine negative Erwartungshaltung bezüglich der folgenden Geschehnisse geweckt und somit eine selbstständige Meinungsbildung vorweggenommen. Folglich erschließt sich im Voraus, dass die positiven Seiten, für die die Metropole zu der Zeit vor allem bekannt war; als Stadt der Lichter, wo die erste Weltausstellung stattfand, die Errichtung des Eiffelturms als Symbol der grenzenlosen Möglichkeiten durch die Industrialisierung, die Stadt der Künstler und Intellektuellen etc. nicht thematisiert werden. Das Bild, welches hier von der Metropole gezeichnet wird, zeigt die Kehrseite der Medaille des sogenannten Fortschritts aus der subjektiven Perspektive des Malte Laurid Brigge.

Durch die assoziationsgeleitete Gedankenfolge Maltes entfaltet sich die Erzählung synthetisch- chronologisch. Der Erzähler, von dem man an dieser Stelle nichts weiter als seinen Namen erfährt und sich lediglich schlussfolgern lässt, dass er in Paris nicht wohnhaft ist, da er sich am Plan orientieren muss, lässt die Eindrücke der Stadt so erlebnisnah Revue passieren, dass es auf den Leser wirkt, als bestehe keine räumliche und zeitliche Distanz zu dem beschriebenen Moment und dem Zeitpunkt des Erzählens.

Malte berichtet bemüht sachlich, indem er sich zuerst vorsätzlich an seine visuellen Eindrücke erinnert: „Hospitäler, einen schwankenden Menschen, der „umsinkt“ (vgl. Z. 2-3), eine schwangere Frau, welche sich mühsam an einer Mauer entlangschiebt (vgl. Z. 5-6), das Hopitale militaire“. Nüchterne Gedankeneinschübe begleiten diese negativ konnotierten Beobachtungen, im Versuch, die bedrückenden Wahrnehmungen zu relativieren und dadurch eine emotionale Distanz zu denselben aufzubauen, zum Beispiel: „Gut. Man wird sie entbinden- man kann das.“ (Z. 8)

Auch die sachlich- berichtende Erzählform (kurze Sätze, Fragewort: „Dahinter.“…) erwirkt eine distanzierte Haltung. Dennoch ist unverkennbar deutlich, dass der Erzähler keine Gleichgültigkeit gegenüber den bemitleidenswerten Menschen, die er antrifft, empfindet: Er scheint sich zu sorgen, ob die Schwangere den Weg zur Entbindungsanstalt schafft, zeigt sich, als er auf der Karte nachsieht, wo sich diese befindet (Z. 6-7). Auch bleibt es ihm erspart, dem Mann zur Hilfe zu eilen, da sich bereits Leute um ihn versammeln (Z. 3). Dass ihm die Geschehnisse näher gehen, als sich hier der nüchternen Erzählweise entnehmen lässt, wird zudem durch das bemerkenswert detailgenaue Einprägen der Erlebnisse offengelegt.

Schließlich entsinnt sich Malte der Geruchseindrücke („Jodoform, das Fett von pommes frites, Angst“, vgl. Z. 12), die „von allen Seiten“ (Z. 11) auf ihn eindringen. Diese Wortwahl bringt die Beengung zum Ausdruck, welche Malte scheinbar zu empfinden beginnt. Bezüglich dieser Gerüche stellt er sachlich fest, dass „alle Städte im Sommer riechen“ würden (vgl. Z. 12-13). Wieder versucht er hier womöglich, das Negative zu relativieren, um sich selbst von der Normalität dieser Tatsache zu überzeugen. Schließlich gelangt der Erzähler gedanklich an ein Asyl für Obdachlose, welches er als ein „eigentümlich starblindes Haus“ bezeichnet.

 Alle vorherigen Erinnerungen vermitteln ein Bild von Verlorenheit und Elend (die schwangere Frau, welche sich bezeichnenderweise an der „warmen Mauer“ entlangtastet, um „sich zu überzeugen, ob sie noch da“ sei (wobei das Adjektiv „warm“ in diesem Kontext eher den Eindruck erweckt, es sei unangenehm schwül und bedrückend, als sei die Mauer aufgeheizt von der künstlichen Wärme der Großstadt) (vgl. Z. 6-7), von Armut und Erschöpfung (Obdachlosenhaus, der „schwankende“ Mann) und Krankheit (Hopitale militaire).

Abweichend von dem bisher nüchtern und eher gefühlsarm gehaltenen Erzählstil erscheint jetzt der gefühlsausdrucksstarke Neologismus: „starblindes Haus“ (Z. 13), was offenkundig eine Umschreibung für ein heruntergekommenes Haus mit schmutzigen, lichtundurchlässigen Fenstern ist. Zuvor fanden eher neutrale Beschreibungen Verwendung, zum Beispiel „riecht“ die Gasse nur, wobei durch die genannten Objekte eindeutig ist, dass es dort stinkt. Auch die Tatsache, dass das kränkelnde, schlafende Kind ebendiese unreine Stadtluft einatmet, kommentiert der Erzähler lakonisch mit : „Das war nun mal so.“ (Z. 18-19). Dieser Feststellung folgt  bekräftigend die These, dass die Hauptsache sei,  man lebe (vgl. Z. 19). Jedoch klingt diese Aussage eher nach fatalistischer Ironie, zieht man in Betracht, dass Malte anfangs noch äußerte, dass es sich in dieser Stadt besser sterben als leben ließe (vgl. Z. 1-2).

Diese Überlegung scheint den Gedankenfluss, welcher bedingt ist durch die äußeren Wahrnehmungen, zu unterbrechen und holt den Erzähler scheinbar in die gegenwärtige Erzählzeit zurück; er bedauert, es nicht sein lassen zu können, mit offenem Fenster zu schlafen (Z. 20).

Infolgedessen dringt eine Reihe kaleidoskopartig verschieden eindringlicher Geräusche auf Malte ein. Sinngemäß sind es nun die akustischen Elemente, die jetzt überwiegend auf ihn einwirken, da nachts die Wahrnehmung der Umgebung durch die Dunkelheit vordergründig durch das Hören geschieht. Im Gegensatz zu den Eindrücken, welche vorerst überwiegend sachlich und distanziert in der Erinnerung hervorgerufen wurden, vernimmt der Protagonist nun eine unangenehm lärmende Atmosphäre, welche dementsprechend von ihm verbalisiert wird und sich somit eine stimmungsgeladene Atmosphäre entwickelt.

Ausgelöst von den „elektrische[n] Bahnen“, die er, wie er es empfindet, „durch seine Stube rasen“ (vgl. Z. 21), dem Klirren von Scheiben, die in „große lachende Scherben“ und „kichernde Splitter“ zerspringen (Z. 22-23), von „dumpfem, eingeschlossenem Lärm“ wegen einer treppensteigenden Person, „Automobilen“ (Z. 21), einem „kreischenden Mädchen“ (Z. 25) setzt sich eine bruchstückhafte, unmittelbar aufgezählte Akkumulation von akustischen Eindrücken von der vorangegangen sachlichen Beschreibung der Impressionen konträr ab. Die vielen lärmenden Faktoren wirken so eindringlich auf Malte ein, dass er das Gefühl hat, dass die Bahnen durch seine Stube rasen (vgl. Z. 21) und die Automobile über ihn hinweggehen (vgl. Z. 22) usw. . Der ununterbrochene Geräuschpegel der Großstadt, welcher selbst nachts nicht verstummt, bewirkt, dass Malte nicht länger die verhältnismäßig distanzierte Beobachterposition halten kann. Ein Hinweis auf die verlorene emotionale Zurückhaltung ist an dieser Stelle beispielsweise die Personifikation der „Elektrischen Bahn“ und der „Scheiben und Splitter“. Die elektrische Bahn, die so „erregt“ heranfährt (vgl. Z. 26) spiegelt tatsächlich seine innere Erregtheit wider. Maltes Eindrücke werden nicht mehr, wie zuvor, von ihm beschrieben und kommentiert, sondern unmittelbar und ungefiltert versprachlicht, was zu einem „stream of consciousness“ mit ellipsenhaften Sätzen (z.B. Z. 23) und Wiederholungen bis hin zu Steigerungen („ ist da, ist lange da[…]“, Z. 25, „fort, fort über alles“, Z.26) führt. Dies kreiert eine bedrohliche, angstvolle Stimmung, die Maltes Gemütslage beschreibt. Waren zuvor Maltes Erinnerungen von äußeren Eindrücken bestimmt und wiedergegeben, sind es nun seine Empfindungen, die versprachlicht werden, und so sein Innenleben nach außen kehren.

Das Bellen eines Hundes erlebt Brigge als eine „Erleichterung“, es scheint ihm wahrscheinlich als das ursprünglichste Wesen inmitten der Großstadt, in welcher er die Menschen als verfremdet, verelendet und abgestumpft (siehe Kind) betrachtet. Auch das Krähen eines Hahns am Morgen bezeichnet der Erzähler hyperbolisch als „Wohltun ohne Grenzen“. Diese Übertreibung verstärkt das tief negative Stimmungsbild der Umgebung umso mehr, wenn sogar ein „Hahneskrähen“ als ebensolches grenzenloses „Wohltun“ wahrgenommen wird.

Nach dieser flüchtigen Erleichterung schläft Malte erst nach einer schlaflosen, rastlosen Nacht „plötzlich“ ein (Z. 29). Nach dieser gefühlsdichten, überwältigenden Stimmungsschilderung greift der Erzähler noch einmal auf den nüchternen Erzählstil zurück, indem er abschließend lakonisch zusammenfasst: „Das sind die Geräusche“ (Z. 29). Die Erzählzeit scheint sich nun auf der gegenwärtigen Ebene des Erzählers abzuspielen, also nach dem Erwachen aus dem Schlaf am Morgen.

Weiterhin führt Malte wertend an, dass „die Stille hier“ noch furchtbarer als zuvor Erläutertes sei (vgl. Z. 30 ff.): In einem detaillierten surreal- albtraumartigen Bildnis/Gleichnis eines Feuerwehreinsatzes beschreibt Brigge einen „Moment äußerster Spannung, wo sich niemand rührt […]“, auf den ein „schrecklicher Schlag“ folgt (vgl. Z. 30-35). Die Stille ist demnach kein Moment der Geruhsamkeit, sondern ein angespannter Moment, der die Beklemmung, die schon durch die zuvor durchlebte Reizüberflutung bewirkt wurde, bis hin zur nahezu physisch verspürbaren Bedrohung steigert. Dessen Ursache lässt sich entgegen der durch die Sinnesorgane eingeordneten Reize nicht verorten.

Es lässt sich also zusammenfassend festhalten, dass anfänglich, in Verbindung mit den visuellen Eindrücken des Erzählers, der Erzählstil noch distanziert und sachlich- nüchtern gehalten ist, wonach die Geruchswahrnehmungen folgen und zunehmend subjektive Äußerungen auftreten. Beide Wahrnehmungsebenen spielen sich hier in den Gedanken Maltes ab, was sich aufgrund der erlebten Rede und der so scheinbar direkt vermittelten Erlebnisse erst später für den Leser herausstellt. Dann folgen die akustischen Eindrücke, welche als lärmend und unangenehm von Malte empfunden werden und eine Atmosphäre der Angespanntheit und Erregung erzeugen und dementsprechend vom Erzähler geschildert werden. Im Anschluss daran folgt die Stille, welche als Höhepunkt der Beklemmnis als am bedrohlichsten gewertet wird („Alles steht und wartet […] auf den schrecklichen Schlag“, vgl. Z. 34-35).

Wie bereits erwähnt, erfährt man bis auf den Aufenthaltsort und Namen nichts Genaueres über den Protagonisten in der Erzählerrolle, wobei die Tatsache, dass er sich in Paris nicht auskennt und er das städtische Umfeld eindeutig nicht gewöhnt ist, sowie das Bellen des Hundes und Krähen des Hahns als einzig positive Vorkommnisse im Lauf der Erzählung nennt, darauf hinweist, dass er vom Land stammt. Durch die zusammenhängende Gedankenfolge, die sich synthetisch (weil stark durch die Assoziationen und Gefühle des Erzählers geleitet) entfaltet, fokussiert sich der Romananfang hauptsächlich auf die Eindrücke Maltes, weshalb durch die subjektive Position des Erzählers als Konsequenz sein Innenleben direkt widergespiegelt wird. Dadurch lässt sich indirekt eine Charakterisierung des Protagonisten vornehmen, welche ihn vor allem als sehr sensible Person herausstellen würde, die sich ihren Gefühlen trotz des Unvermögens sie durchweg zu kontrollieren, beständig bewusst ist und diese reflektierend versprachlicht (siehe Gleichnis). Die nüchterne Erzählhaltung zu Beginn zeigt auf, dass sich Malte bewusst bemüht, eine emotional distanzierte Betrachtungsweise einzunehmen, um den Zufluss der negativ belasteten Eindrücke zwar zu registrieren, sich jedoch zwecks Selbstschutz gefühlsmäßig nicht einnehmen zu lassen. Dieser Versuch scheint letztlich jedoch zu misslingen, nur auf gedanklicher Ebene ist er fähig, Abstand zu nehmen, denn in der gegenwärtigen materiellen Welt vermag er es nicht, sich der Geräusch- und der daraus folgenden Gefühlsüberflutung und zuletzt der völligen Isolation der Stille als äußerste Bedrohung zu entziehen.

Maltes fatalistischen Bemerkungen wie: „Das war nunmal so“, „Die Hauptsache ist, dass man lebt“, „Das sind die Geräusche“ und „So ist hier die Stille“ befähigen ihn nicht dazu, emotional unberührt zu bleiben und die Störfaktoren der Großstadt tatsächlich so gelassen oder gar gleichgültig hinzunehmen wie es scheinbar die Leute tun, „die sich gegenseitig überholen“ (Z. 27), sich vermeintlich nicht sonderlich an den Merkmalen der Großstadt stören und unbeirrt, unachtsam gegenüber den Anderen, ihren Beschäftigungen nachgehen. Die Wahl des Indefinitpronomens „man“ ist abermals in seiner Absicht gewählt, die Gewichtigkeit seiner eigentlichen (negativen) Auffassung der Szenerie zu relativieren und dadurch seine Erschütterung abzuschwächen, beziehungsweise gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ferner könnte „man“ ebenso auf die Anonymität der Menschen in der Großstadt anspielen. Sie scheinen in der Umgebung, in welcher sie in Armut leben, nicht ihr individuelles Wesen entfalten zu können, und gehen so in der Masse unter, während sie gleichzeitig als Allgemeinheit die Masse begründen. Auch die Frau, die sich an der Mauer entlangtastet, um sich zu überzeugen, ob sie noch da ist (vgl. Z. 6-7), stützt das Motiv des Identitätsverlustes und der daraus resultierenden Haltlosigkeit.

Diese Rastlosigkeit, Isoliertheit, Einsamkeit, Hektik, Armut, Krankheit, das Gefühl, einem unbestimmten Gefüge ausgeliefert zu sein (siehe Gleichnis des Feuerwehreinsatzes), waren einige Phänomene, die bei der Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert die Gesellschaft in der Großstadt prägten. Durch die Rationalisierung der Produktion (vor allem) in der Landwirtschaft waren viele Menschen vom Land dazu genötigt, in den Städten Arbeit zu finden. Da das Leben in der Großstadt konträr zu dem bisher gewohnten Leben auf dem Land war, entstand eine neue Halt- und Orientierungslosigkeit.

Der vorliegende Romananfang enthält anfänglich Elemente des Schreibstils einer neuen Sachlichkeit, welche distanziert-beschreibend bestehende Verhältnisse darstellt. Diese Elemente werden aber schnell im Textverlauf, in Korrespondenz mit dem zunehmend emotionalen Textinhalt, von der hier dominierenden expressionistischen Schreibweise abgelöst. Charakteristisch für diese ist die hier anhand des Textes dargelegte Verwendung von konnotativreicher Sprache durch Neologismen und Metaphern sowie von ellipsenhaften Sätzen, die eine Akkumulation von Eindrücken und eine emotionale Gedrängtheit des Erzählers, sich auszudrücken, vermittelt . Durch diesen Schreibstil lassen sich  die Empfindungen des Erzählers in ihrer Subjektivität besonders genau übermitteln. Der Gebrauch des nüchternen Schreibstils in Gegenüberstellung mit dem Gefühlsbetonten demonstriert umso intensiver das Stimmungsbild der Epoche.

Elena Lausberg 2012

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